Streifen des Schattens

Im Oktober 2001 hat uns Zygfryd Gardzielewski verlassen, wahrscheinlich schon der letzte Bücherschöpfer, der der Generation der bildenden Künstler gehörte, deren Persönlichkeit und ästhetische Ansichten sich in der Zwischenkriegszeit gestalteten. Die Art der Verlagsgrafik, die diese vergangene Generation betrieb, wird heutzutage meistens als anachronistisch und der Gegenwart nicht geeignet gesehen. Die Grafiken von Stanis³aw Jakubowski, Konstanty Maria Sopoæko, Stanis³aw Ostoja-Chrostowski, Zbigniew Dolatowski, Witold Chomicz, Adam M³odzianowski, Zygfryd Gardzielewski und über zehn anderen, die ein ähnliches Werk geschaffen haben, sind in der Regel nur Bibliophilen und Liebhabern der nach Vergangenheit riechenden Verlagsaltausgaben bekannt. Es steckt jedoch in ihren Zeichnungen, Holzschnitten oder Linolschnitten eine unvergängliche Schönheit. Buchillustrationen, Umschläge, Exlibrise, Vignetten, Postbriefmarken und derartige Drucke dieser Grafiker sind sehr schnell erkennbar und rufen heute die Sehnsucht nach dem verlorenen Charme der einfachen, natürlichen Zeichnung, Präzision des Schnittes und Materialität des grafischen Stoffes hervor. Das Kehlen in einem Holzstein oder auf einer Kupferplatte sind in den Zeiten der Vektor- und Pixelcomputergrafik eine vergessene Tätigkeit, und wenn jemand noch diese Art Grafik betreibt, so bemerken die gegenwärtigen Verleger diese Mühe nicht.


Zygfryd Gardzielewski ist 1914 in Toruñ (Thorn) geboren, zu dem Zeitpunkt, als einer der brutalsten Kriege des 20. Jahrhunderts begann, der doch die Wiedergeburt Polens bringen sollte. Er war noch Schüler, als Zygmunt Mocarski, bekannter Bibliothekar und Bibliophil, seit 1923 Leiter der Thorner Stadtbücherei, seine zeichnerische Begabung erkannte. Gerade dank Mocarski gelangte Zygfryd Gardzielewski zur Lehre der Lithografie zur Grafischen Abteilung „Kunst“ in der Pommerschen Agrardruckerei. Diese interessante Werkstatt wurde 1920 gegründet, u. a. von Felicjan Szczêsny Kowarski, und wurde vom ausgezeichneten Lithographen Aleksander Sysko geleitet. Die Pommersche Agrardruckerei selbst wurde unter Verlegern, nicht nur aus Toruñ, hoch geschätzt. Er arbeitete in einem guten Betrieb, unter Leitung von ausgezeichneten Fachleuten, so konnte er seine grafische Begabung entwickeln und die Geheimnisse der Polygrafie entdecken. Dieses gründliche Druckerwissen hat später im hohen Maße in seinem Berufsleben genützt.

Nach dem Krieg arbeitete er in den Thorner Grafikwerken, sowohl als Grafiker, als auch als Produktionsleiter. Er entwarf viele Bücher, Plakate, Exlibrisse und andere verschiedenartige Veröffentlichungen, hauptsächlich für Institutionen seiner Stadt, z.B. für Miko³aj-Kopernik-Universität, Stadtbücherei, Verein der Bibliophile namens Joachim Lelewel und Thorner Wissenschaftlichen Verein. Er arbeitete aber auch für Verlag PAX, Verlagsinstitut, Volksverlagsgenossenschaft, Staatliche Werke der Ärztlichen Verläge, Nationalmuseum in Warszawa usw. Ältere Leser können sich sicher an die zig Bände umfassende Edition der Werke von Józef Ignacy Kraszewski erinnern, die Zygfryd Gardzielewski sukzessiv bearbeitete und Volksverlagsgenossenschaft ausgab.

Zygfryd Gardzielewski war jedoch als Autor der Antykwa Toruñska am bekanntesten, Autor der Form der Typen, an der er in den Jahren 1952-1958 arbeitete. Diese originelle Druckerschrift, sehr „malerartig“ in ihrer Ausdruckskraft und reich an individuellen grafischen Eigenschaften, gelangte zur Warschauer Typengießerei (verstaatlichte Vorkriegsgießerei IdŸkowski i S-ka). Hier wurden dafür Gießmatrizen der Typen von 6 bis 48 Didots Punkten hergestellt. In der Ganzheit, also in drei Gattungen: normal, halbfett und kursiv, war Antykwa Toruñska 1960 fertig. Neue Typen erwarben gleich Popularität und kamen in die Setzerkasten der Druckereien in dem ganzen Land.

Heute wird nicht mehr manuell mit Metalltypen gesetzt und nicht mit edler typografischer Technik gedruckt. Es ist ganz selbstverständlich wegen der gründlichen Änderung der polygrafischen Verlagstechnologien. Nicht nur grafische Techniken, sondern auch der Geschmack haben sich diametral geändert. Der subtile Typograf und Grafiker Zygfryd Gardzielewski hatte die Gelegenheit, bis zum Tage dieser ungewöhnlichen Wende in der Gutenberg-Galaxie zu überleben. In der Regel hat er seine ganze Welt verloren, in der er sich bewegte. Aber doch ist er nicht vergessen worden. Immer noch erfreute er sich der Anerkennung von Bibliophilen aus ganz Polen, und für seine Antykwa interessierten sich Computerprogrammierer. Janusz Marian Nowacki aus Grudzi¹dz (Graudenz), der die Möglichkeit der Konsultation mit dem Typografen nutzte, übertrug Antykwa Toruñska auf postscriptartige Computertypen. Es wurde also eine Brücke zwischen früheren und neuen Zeiten gebaut.

Ich hatte das Vergnügen, Zygfryd Gardzielewski im September 1978 in Toruñ während des allgemein polnischen Treffens der Bibliophilen kennen zu lernen, dessen Gastgeber der Verein der Bibliophilen namens Lelewel war. Der Typograf und seine reizende Ehefrau, Janina, Fotografin, waren unter Veranstaltern dieses Treffens. Sie haben u. a. eine reiche Ausstellung von bibliophilen Drucken vorbereitet. Zygfryd Gardzielewski hat mit Stolz das Druckerverlagshaus der Stadtbücherei in Toruñ präsentiert, dessen Chef und Hauptgründer er war.

Druckerverlagshaus der Bücherei entstand im Jahre 1975 dank der Freundlichkeit des Leiters der Thorner Bibliothek, Alojzy Tujakowski, und der Grafikwerke, wo Gardzielewski viele Jahre arbeitete. Der Grafiker konnte sich also endlich von der industriellen Polygrafie abreißen und eine typografische Werkstatt veranstalten, die ihm erlaubte, in Ruhe an anspruchsvollen Drucken zu arbeiten. Er gewann alte, aber leistungsfähige Druckermaschinen, stattete die Setzerei aus, sicherte einen Bestand an vorzüglichen Papieren. Er bot hoch qualifizierten Fachleuten eine Arbeit in dem Verlagshaus an: Maschinisten - Edward Czerwiñski, Setzer - Wies³aw Szlosowski, Linotypisten - Jerzy Kamiñski und Buchbinder - Jan B³aszczyk. Während der über zehn Jahre andauernden Tätigkeit des Verlagshauses haben sie gemeinsam größere und kleinere von Zygfryd Gardzielewski entworfene Drucke in die Welt ausgegeben.

Die besonders schönen erschienen in den 70er Jahren. „List do króla Zygmunta I“ (Brief an den König Siegmund I) von Erasmus von Rotterdam (1976), tragische Ballade „Zakochany bibliofil“ (Der verliebte Bibliophil) von Julian Tuwim (1977), „Ksiêgarz uliczny“ (Straßenbuchhändler) von W³adys³aw Syrokomla (1978), „List do bibliofilów o braciach Za³uskich“ (Brief an Bibliophilen über die Gebrüder Za³uscy) von Aleksander Bocheñski (1978), Wspomnienia i konfrontacje typografika (Erinnerungen und Konfrontationen des Tipografikers) von Konstanty Maria Sopoæko (1979), es sind wundervolle Beispiele aus derjenigen Zeit, heute von verschiedenen Bibliomannen in Hausregalen gehuldigt. Aber auch in den 80er Jahren kamen aus dem Verlagshaus schön entworfene Drucke: Gadki toruñskie czyli zagadki weselne... („Thorner Plaudereien oder Hochzeitsrätsel“ (1980), „Pismo drukarskie a estetyka druku“ (Druckschrift und Ästhetik des Drucks) (1983) oder „Druki i druczki“ (Drucke und kleine Drucke) von Roman Tomaszewski (1987) und viele andere, die von der Liebe zur Typografie zeugen. Eine der wichtigsten Arbeiten von Zygfryd Gardzielewski war die Vorbereitung in Toruñ 1987 einer Ausstellung von Stanis³aw Gliwa nach seinem Tode, des polnischen Verlegers, Grafikers und Typografen, der in England tätig war. Die Ausstellung begleitete natürlich eine entsprechende bibliophile Veröffentlichung des Druckerverlagshauses der Stadtbücherei.

Mit dem Abgang von Zygfryd Gardzielewski endet eine gewisse bedeutende, romantische Zeit der polnischen Nachkriegstypografie. Es bestimmten sie Leistungen einiger typografischen Werkstatten, und hauptsächlich: Breslauer – von Jan Kuglin, Londoner – von Stanis³aw Gliwa, Warschauer - von Leon Urbañski und Thorner – von Zygfryd Gardzielewski. Es unterschieden sie ästhetische Konzepte, technische Möglichkeiten oder Organisationsweisen. Gemeinsam war das Entzücken von „schwarzer Kunst“, Metalltypen, edlem Papier und diesem metaphysischen Einfluss von Duft der Farbe und Blechstaub auf die Denkweise von Grafik.

Es sind Tryznowie geblieben – wie die letzten Mohican.

Andrzej Tomaszewski

„WYDAWCA - Portal rynku wydawniczego“ („VERLEGER“ – Portal des Verlagsmarktes)